10 erstaunliche Dinge, die ich in 10 Jahren des Unterrichtens gelernt habe

Konstanten, Veränderungen und Fehltritte. Plus: eine Ermuting an Yogalehrer:innen!

Vor 10 Jahren wagte ich den Schritt über die Schwelle vom Praktizieren von Yoga und somatischen Bewegungs-formen hin zum Unterrichten.

Vieles hat sich seitdem verändert in meiner Praxis, meinem Unterricht und Arbeitsumfeld. Einiges mache ich heute bewusst anders, manches (fast) noch genauso, wie zu Beginn und aus manchen Fehlern bin ich auch ein bisschen schlauer geworden.

Eine kleine Auswahl:

1. UNVERÄNDERT: Ich unterrichte Menschen, keine Methoden

Als ich begann Yoga zu unterrichten, nutzte ich gerne Feldenkrais-Sequenzen zum Einstieg, weil dies meine Teilnehmer:innen besser ins Spüren des eigenen Körpers brachte, als Sonnengrüße.

Im Laufe der Jahre ist mir immer deutlicher geworden, dass ich nicht darin aufgehe, eine bestimmte Methode “originalgetreu” zu unterrichten oder einer Traditionslinie zu folgen. Ich bin keine Puristin, verstehe mich nicht als Traditionshüterin und möchte schon gar keine Franchisenehmerin sein.

Auch wenn es dadurch manchmal schwieriger ist, anderen zu erklären, was genau ich anbiete.

2. UNVERÄNDERT: Unterricht mit Blöcken, aber ohne Podeste

Dementsprechend habe ich keine Gurus, denen ich folge und finde die manchmal in Yogakreisen (und darüber hinaus) anzutreffende Idealisierung, devote Verehrung und unkritische Haltung gegenüber Lehrer:innen, spirituellen Führer:innen, Popstars, Idolen und “Gurus” im weitesten Sinne problematisch.

Mich inspirieren Menschen, die sich in widrigen Umständen ein menschliches Antlitz wahren, mehr, als solche, die sich mit Disziplin und Härte zu übermenschlichen Leistungen antreiben oder jene, die sich von der Lebenswelt so sehr entkoppelt haben, dass sie öffentlich nur noch in Phrasen und Metaphern sprechen und kaum noch Gefühlsregungen zeigen.

3. UNVERÄNDERT: No photos please

Meine Kurs- und Workshopräume sind kamera-freie Zonen.

Mir ist es wichtig, Räume zu schaffen, in denen persönliche Prozesse stattfinden können, ohne dass sich jemand sorgen muss, später ungefragt auf Social Media aufzutauchen.

Ich wünsche mir, dass es wieder selbstverständlicher Konsens wird, Handys aus Respekt füreinander draußen zu lassen und ganz im Moment präsent zu sein – ohne sich oder das Erlebte filmisch festhalten zu müssen.

Gerade darin liegt etwas sehr Heilsames: ein paar Stunden lang kein Handy bei sich zu haben und die Aufmerksamkeit ganz nach innen und ins gemeinsame Erleben zu richten.

*Dieses Bild entstand nicht in meinem Krus sondern ist ein Stockphoto von Yan Krukau von Pexels

4. VERÄNDERT: Mehr Körperarbeit als Yoga?

Als ich begann zu unterrichten, hatte ich den den Anspruch, in meinem Unterricht der philosophischen Dimension des Yoga jenseits von Yamas & Niyamas gerecht zu werden. Die Wahrheit ist, dass ich aus verschiedensten Gründen nie das Gefühl hatte, das mir das nur ansatzweise gelungen ist, weswegen ich starke Zweifel bekommen habe, ob ich meinen Unterricht überhaupt noch Yoga nennen soll und darf.

Zugleich hat sich die Beziehung zu meinem Körper und mein Blick auf Körper in einer Weise geändert, die teils im Widerspruch zu dem steht, was der yogische Pfad beschreibt (Dissoziation/Trennung von Körper und Geist, Überwindung körperlicher Bedürfnisse etc.)

Meine zunehmende Hinwendung zur Somatik, Körperarbeit und Bejahung der eigenen Körperlichkeit fühlte sich auch ein Stück weit wie eine Abwendung vom Yoga an.

Ich schließe nicht aus, dass mich zu einem späteren Zeitpunkt in meinem Leben nochmal die Lust und Neugier packt, mich tiefergehend mit Yogaphilosophie zu beschäftigen und meine Praxis und Unterricht wieder mehr nach einer Yogapraxis aussehen wird, aber im Moment verläuft meine Entwicklung in eine andere Richtung – es zieht mich REIN in den Körper, statt raus aus ihm.

Und ich habe das Gefühl, auf dem für mich richtigen Weg und einer interessanten Entdeckung auf der Spur zu sein.

5. VERÄNDERT: Evidentemente* evidenzlos

(*span.: offensichtlich, eindeutig, wahrhaftig)

Es gab eine Unterrichtsphase, in der ich sehr darum bemüht war, alles, was ich unterrichtete, auf Herz und Nieren und dahingehend zu prüfen, ob es evidenzbasiert ist.

Davon habe ich mich verabschiedet, denn eine körperorientierte Praxis ist letztlich eine vielschichtige, subjektive Erfahrungspraxis und kein steriles, medizinisches Protokoll.

Das bedeutet nicht, dass man Fakten erfinden oder gefährlichen Humbug erzählen darf, sondern – im Gegenteil – dass man das, was man vermittelt, entsprechend einordnet und innerhalb seiner eigenen Erfahrung lernt zu unterscheiden zwischen dem, was man gesichert weiß, dem, was man glaubt (oder gerne glauben möchte) und dem was man fühlt und spürt.

Und ein wenig Demut davor zeigt, dass wir immer noch kaum etwas über die Entstehung des Universums und Bewusstseins wissen.

6. VERÄNDERT: Von fremden Zungen zur eigenen Sprache

Ich unterrichte erst seit ein paar Jahren auf Deutsch, was eine ziemliche Umstellung war, da ich fast alle Aus- und Fortbildungen auf Englisch gemacht habe und auch die meisten meiner Lehrer:innen englischsprachig unterrichten.

Während ich für meinen englischsprachigen Unterricht viele Ausdrücke und Redewendungen meiner Lehrer:innen übernommen und mich unbewusst sicher an ihrer Art, mit Worten zu führen, orientiert hatte, fehlte mir in meiner eigenen Muttersprache ein Vorbild, was dazu führte, dass ich mich in den letzten Jahren ganz neu orietnierte und meinen eigene Unterrichtssprache und Ausdrucksweise entwickelt habe, die darauf fußt, nicht Aktionen vorzugeben, sondern aus der eigenen Verkörperung heraus zu unterrichten, die Wahrnehmung und Erfahrungsräume zu weiten, Fokus- und Orientierungspunkte zu setzen, fragegeleitet zu führen und mit der Dynamik im Raum zu arbeiten.

7. FEHLER & FEHLTRITTE: Späte Vögel leben länger, wenn sie länger schlafen dürfen

Sich im Spätherbst für einen 8-Uhr Kurs zu verpflichten, obwohl man Sternzeichen Murmeltier mit Aszendent Eule und Vollmond im Nachtfalter ist, war keine gute Idee und ein Fehler, der mir kein zweites Mal passiert ist.

Vor 10 Uhr morgens bin ich nur in Ausnahmefällen betriebsbereit – dafür tüftele ich gerne bis weit nach Mitternacht an meinen Workshopkonzepten und Unterrichtsunterlagen.

8. FEHLER & FEHLTRITTE: Unterricht auf allen Kanälen?

Ich unterrichte gerne online, ich unterrichte noch viel lieber live vor Ort, aber ich möchte nie wieder in meinem Leben beides gleichzeitig machen und hybrid unterrichten.

Online zu unterrichten erfordert eine andere Didaktik als eine Gruppe vor Ort zu unterrichten. Beides in ein Format zu quetschen wird niemandem gerecht und hat mir enorm viel Energie und fast die Freude am Unterrichten geraubt.

9. FEHLER & FEHLTRITTE: Abwechslung vs Konsistenz

Wer in Yogastudios unterrichtet, operiert heutzutage in einer ungnädigen Gig Economy. Die Fluktuation unter Teilnehmer:innen ist hoch, die Anzahl an Menschen mit festen Studioverträgen schwindend gering.

Wenn Leute also in einer Stadt mit unendlich vielen Möglichekiten regelmäßig wiederkommen, dann heißt das was. Ich habe sehr lange geglaubt, dass ich meinen Teilnehmer:innen Woche für Woche ein möglichst abwechslungs-reiches, Programm bieten muss, damit ihnen nicht langweilig wird und sie wiederkommen.

Damit lag ich falsch. Die Regelmäßigkeit stellte sich vielmehr dadurch ein, dass ich konsistent Woche für Woche dasselbe unterrichtete. Natürlich nicht 100% derselbe Inhalt, aber derselbe Rahmen, die selbe erwartbare Struktur, erwartbare Abläufe und ritualisierte Handlungen – Wiedererkennungseffekt und Anschlussfähigkeit an vorherige Erfahrungen ist das, was die meisten Menschen suchen.

Rückblickend macht das für mich total Sinn, denn wenn ich in mein Lieblingsrestaurant gehe, möchte ich auch nicht jedes Mal eine komplett neue Karte aufgetischt bekommen, sondern ich gehe wegen der erwartbar guten, konsistenten Qualität, den bekannten Gesichtern, dem Flair, und vor allem, um meine Lieblingsspeise dort zu essen.

Natürlich darf’s zur Abwechslung auch ein saisonales Schmankerl als Vorspeise sein, aber wenn es die Lieblingsspeise nicht mehr gibt, schmälert dass die Freude enorm und ich suche sie mir in Zukunft vielleicht anderswo.

Menschen sind Gewohnheitstiere.

10. DON’TS: Popularitätsfalle – sich für Trends verbiegen

Abschließend möchte ich Kolleg:innen und vor allem frischgebackene Lehrende dazu ermutigen: lasst euch von der Gig Economy nicht brechen und von Buchungsflauten nicht verunsichern.

Nach 10 Jahren Unterrichten und Brancheneinblick kann ich versichern: Wenn ein Kurs nicht gut gebucht ist oder großen Schwankungen unterliegt, dann hat das manchmal personelle oder inhaltliche Gründe – so etwas kann man schnell rausfinden, indem man sich Feedback einholt.

Viel viel häufiger ist es aber ein Sammelsurium an Faktoren, die außerhalb eurer Kontrolle liegen: die Lage des Studios und Demographie der Kundschaft, wie viel das Studio und du jeweils in die eigene Sichtbarkeit und die Sichtbarkeit des Kurses investieren, die Uhrzeit des Unterrichtsslots, Konkurrenzangebote im Studioumkreis oder sogar im selben Studio, lokale Konkurrenzveranstaltungen (z.B. Stadtfeste, Sportevents), die Jahreszeit, die Außentemperatur, das Wetter, Feiertage, das Weltgeschehen, vielleicht sogar die Luftfeuchtigkeit, die Mond-phase oder der Neigungswinkel der Sonnenstrahlen beim Aufgehen – wenn ich die endgültige Formel gefunden habe, werde ich berichten!

Zweifelsohne hat es auch sehr viel mit der Funktionstüchtigkeit und den Algorithmen der maledeiten Aggregatoren-Apps zu tun, auf die kaum ein Studio heute mehr verzichten mag bzw. kann und denen man als Lehrperson einflusslos ausgeliefert ist. Worauf ich hinaus will: wenn eine Klasse unter gewissen Umständen nicht läuft, dann verbirgt sich dahinter viel häufiger ein logistisches, als ein inhaltliches Problem.

Trotzdem passiert es schnell, dass man an sich selbst zu zweifeln beginnt oder vielleicht sogar von einem Studio dafür verantwortlich gemacht wird. Manchmal gibt es “Verbesserungsvorschläge”, zum Beispiel, den Titel oder sogar das ganze Unterrichtskonzept dahingehend zu ändern, dass es dem Zeitgeist entspricht oder zu einem Trend passt, der gerade auf Social Media viral geht…

So gibt es in Berlin z.B. kaum noch ein Yogastudio, in dem kein Pilates oder Breathwork stattfindet.

Rein wirtschaftlich betrachtet mag das auf kurze Sicht sinnvoll erscheinen – strategisch, für dich als Selbstständige und didaktisch betrachtet ist es jedoch falsch, vielleicht sogar fahrlässig, etwas ganz anderes zu unterrichten als das, wofür dueigentlich stehst, woran du glaubst und auch ausgebildet bist.

Darum halt an dem fest, wovon du überzeugt bist, glaub an dich und das, was du zu bieten hast und ziehe in Betracht, eine geeignetere Umgebung für dein Angebot zu suchen wenn es unter bestimmten Umständen einfach nicht fruchten will.

Rosen gedeihen nicht von Herzblut-Dünger alleine, sie brauchen auch einen geeigneten Boden, ausreichend Platz und Licht – kurzum – die richtigen Umweltbedingungen, um wachsen und sich entfalten zu können und schließlich von jenen Menschen gefunden zu werden, die sich an ihnen erfreuen.

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über körperorientierte Themen, die mich in meiner Arbeit beschäftigen, manchmal auch über Privates und hoffentlich Inspirierendes für deine eigene Praxis. 

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