Table of Contents
ToggleEs gab wahrscheinlich noch nie so viel frei verfügbare Informationen zu allen erdenklichen Themen wie heute. So auch zu jenen Themen, mit denen ich mich in meinem Berufsalltag beschäftige und zu denen mich Menschen um Rat fragen.
Ein Dauerbrenner: das Thema Schmerzen.
Oder, genauer gesagt, die Frage, woher sie kommen und wie man sie wieder los wird.
Social Media ist voll von Reels (Kurzvideos), in denen ‚die eine Übung‘ oder ‚das utlimative Tool‘ präsentiert wird, die angeblich alles verändert hat.
Google, so durfte ich gerade erst wieder erfahren, liebt Blogbeiträge, die Zahlen in der Überschrift aufweisen: „Drei Tipps, wie du deine Rückenschmerzen los wirst“.
Und KI-Modelle, die eine immer wichtigere Rolle bei der Suche nach Informationen und Strukturierung von Wissen einnehmen, favorisieren es ebenso, wenn man ihnen Infos in einem Frage-Antwort-Schema, Aufzählungslisten und Schritt-für-Schritt-Protokoll aufbereitet.
Die Krux ist: dein Körper funktioniert anders, er ist keine einfach gestrickte Maschine
An deinem Körper blinkt keine klare Fehlermeldung auf, die einem erklärt, was los ist und anhand der man ein Reparaturprotokoll drüberlaufen lassen könnte, damit alles wieder funktioniert.
Die genauen Gründe, warum dir beim Treppensteigen plötzlich die Knie schmerzen oder du nach 12 Jahren auf einmal kein Yoga mehr machen kannst, ohne dass der untere Rücken Alarm schreit, können sehr vielfältig sein.
Ursachensuche vs. Symptombekämpfung
In alternativmedizinischen Kreisen wird oft mit der Behauptung gearbeitet, dass man, um ein Problem zu lösen, die ‚wahre Ursache‘ finden müsse.
Die evidenzbasierte Medizin, hingegen – so lautet der Vorwurf – arbeite sich an Symptomen ab und sehe den Menschen nicht als Ganzes. An diesem Vorwurf ist insofern etwas dran, als dass die Gesundheitsversorgung in Deutschland in Fachbereiche ausdifferenziert ist und die dort beschäftigten Mediziner:innen meist nur einen Blick auf ihr eigenes System haben.
Wer ein Rückenleiden hat, der landet in der Regel beim Orthopäden und wird dort als gesetzlich Versicherte – wir haben das alle schon einmal erlebt- nach langer Wartezeit oft in nur wenigen Minuten abgefertigt:
„Versuchen Sie mal Sport“
„Ich schreibe Ihnen Ibuprofen auf“
Auch bildgebende Verfahren sind nicht immer aufschlussreich.
Ein Klassiker: es wird ein leichter Bandscheibenvorfall oder die Vorstufe einer Arthrose entdeckt, oft aber nur als Zufallsbefund, d.h. ‚die wahre Ursache‘ ist damit nicht geklärt.
Möglicherweise gab es diese Abnützungserscheinungen nämlich auch schon lange, bevor der Körper begann, Schmerzsignale auszusenden und sie sind nicht die Ursache, weswegen dein Körper auf einmal laut wird.
Studien zeigen, dass mittels MRT selbst in Jugendlichen und jungen Erwachsenen ohne Schmerzsymptomatiken degenerative Schäden in der Lendenwirbelsäule gefunden werden konnten. (Quelle)
Deshalb bleiben Bandscheibenvorfälle oft jahrelang unentdeckt. Ein Bandscheibenvorfall wiederum, der zufällig entdeckt wurde, muss nicht zwangsläufig ‚die wahre Ursache‘ deiner Rückenschmerzen sein und heilt manchmal unbemerkt von selbst aus.
Dazu passt auch ein weiteres beobachtbares Phänomen: die langen Wartezeiten in der Gesundheitsversorgung führen manchmal dazu, dass bis zu einem MRT-Termin 8 Wochen oder mehr vergehen udn die Schmerzen bis dahin von selbst wieder verschwunden sind – ohne Therapie.
War dann alles nur Einbildung?
Warum wir Schmerzen empfinden
Nein, es war ein Hinweis darauf, dass dein Körper keine Maschine, kein hilfloses Objekt ist, sondern ein intelligenter Bioorganismus, dessen höchstes Interesse die Selbsterhaltung ist.
Und an diesen Selbsterhaltungstrieb ist das Schmerzempfindeneng gekoppelt.
Schmerzen im Bewegungsapparat sind oft ein Hinweis darauf, dass etwas, das lange funktioniert hat oder kompensiert werden konnte, nun nicht mehr toleriert wird.
Das Gehirn drückt zur Vermeidung von größeren Risiken und Schäden auf den Alarmknopf und fordert ein Umdenken.
Ein Beispiel: eine Yoga-Schülerin von mir praktizierte jahrelang Ashantaga Yoga, einen herausfordernden Yoga Stil mit festem Ablauf, bei dem man in eher zügigem Tempo bis zu 50 Push-ups (Chaturangas) pro Einheit durchführt.
Ohne jetzt im Detail auf die Anatomie des Schultergürtels einzugehen, reicht vielleicht der Hinweis, dass sich bei einer Bewegungsanalyse zeigte, dass die mangelnde Schulerblattstabilisation und ungünstige Schulterstellung, in der sie diese vielen täglichen Push-ups durchführte wohl zu einer chronischen Reizung des Schleimbeutels in ihrer Schulter geführt haben dürfte.
Erst traten die Schmerzen gelegentlich auf und verschwanden nach einer Pause wieder.
Irgendwann wurden die Schmerzen häufiger.
Und lauter.
Und blieben schließlich – bis sie lernte, mehr Rücksicht auf ihren Körper zu nehmen und Schulterbewegungen so für sich zu modifizieren, dass der gereizte Schleimbeutel endlich zur Ruhe kommen konnte.
Viel Schmerz heißt nicht unbedingt großer Schaden
An dieser Stelle ist es mir wichtig, noch einmal zu betonen, dass es keine Korrelation zwischen Schmerzintensität und Schadensgröße gibt.
Wie bereits weiter oben im Text erwähnt, gibt es unzählige dokumentierte Bandscheibenvorfälle, bei denen die Betroffenen gar nichst spüren. Und, umgekehrt, chronische Schmerzpatient:innen ohne erkennbare organische Ursachen.
Das bedeutet nicht, dass ihre Schmerzen nicht real sind, sondern vielmehr, dass der Wunsch, nach einfach-verständlichen Ursache-Wirk-Zusammenhängen, oft nicht aufgeht.
Die Suche nach ‚der wahren Ursache‘ bleibt ergebnislos – die Symptome sind hingegen real und behandelbar.
Nicht eine ‚wahre‘ Ursache, sondern ein multifaktorielles Modell
Schmerzsymptomatiken – ab drei Monaten spricht man von chronischen Schmerzen – sind multifaktoriell und individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt. Das macht sie komplex, aber keineswegs hoffnungslos. Gerade dadurch, dass es so viele Einflussgrößen gibt, die sich auf die Ausprägung von Schmerzen auswirken können, eröffnen sich Möglichkeiten, von mehreren Seiten Einfluss zu nehmen, Linderung zu verschaffen und Körper und Psyche so gut es geht zu unterstützen.
Zum besseren Verständnis der Einflussmöglichkeiten auf das individuelle Schmerzempfinden eignet sich das biopsychosoziale Modell.
Es unterscheidet zwischen
- Biologischen Faktoren (Gene, Immunsystem, Hormone und neurobioloigsche Prozesse sowie körperliche Fitness)
- Soziale Faktoren (Unterstützung, finanzielle Möglichkeiten und Bildung, Werte, Arbeitsumfeld, Lebensstil, Ernährung und Umwelteinflüsse)
- Psychologische Faktoren (Stressbewältigungskapazitäten, emotionale Stabilität und Regulationsfähigkeit, Selbstwirksamkeit, Denk- und Wahrnehmungsmuster)

Anhand des Models lässt sich bereits erkennen, dass es Faktoren gibt, auf die wir wenig bis gar keinen Einfluss haben (z.b. genetische Veranlagung oder körperliche Fitness, wenn eine schwere, unheilbare Grunderkrankung oder Behinderung vorliegt) und andere, bei denen die Einflussmöglichkeiten erheblich sind (z.B. körperliche Fitness, wenn keine Einschränkungen vorliegen, Ernährung, Stressbewältigungstechniken, die sich erlernen lassen).
Dies zu erkennen und für sich zu markieren, an welchen Stellschrauben man drehen kann, erhöht bereits die Selbstwirksamkeit und kann die individuell wahrgenommene Intensität von Schmerzen reduzieren und den Umgang mit Schmerzen erleichtern.
Das biopsychosoziale Modell verdeutlicht auch, dass es Bereiche gibt, die außerhalb unseres persönlichen Einflusses liegen und wo es gesellschaftliche Verantwortung braucht: mehr Forschung, eine bessere Gesundheitsversorgung, soziale Teilhabe, Bildungsmöglichkeiten, Gesetze, die Grenzwerte für Umweltbelastungen festlegen etc.
Das Feld der Somatik, Körperarbeit und Yoga hat in vielen Punkten mit Angeboten aufzuwarten:
- unterschiedlichste Formen von Stressbewältigungstechniken und Praktiken zur Emotionsregulation, von achtsamer Bewegung über Atemtechniken, Meditation, Massage- und Berührung bis hin zu somatischer Stimmarbeit
- das Yoga Sutra von Patanjali, einer der zentralen yogischen Grundlagentexte ist ein hochpsychologischer Text, der die Strukturen des Geistes beschreibt und Wege aufzeigt, um sich aus destruktiven Vestrickungen zu lösen. Der Vergleich ist vielleicht nicht ganz sauber, aber plakativ könnte man sagen: er ist das vielleicht erste verhaltenstheoretische Manual der Menschheitsgeschichte und zumindest in seiner Präzision und Zeitlosigkeit einzigartig.
- das Zusammenkommen und miteinander Teilen einer gemeinsamen Praxis nährt das Bedürfnis nach Verbindung und einem sozialen Gefüge. Im yogischen Kontext spricht man von einer Kula (Gemeinschaft), im Buddhismus – mit einer etwas spiritueller-eingefärbte Konnotation von einer Sangha.
- auch was Lebensstil und Werte betrifft, wird im Yoga fündig, wenn er nach Orientierung sucht. In meiner Erfahrung führt alleine die zugewandte Beschäftigung mit dem Körper zu einer größeren Empfindungsfähigkeit, die wiederum, einen gesünderen Lebensstil fördert. Als langjährige ‚passionierte Raucherin‘ war es mir nach ein paar Jahren der Yogapraxis nicht mehr möglich, weiterzurauchen, weil ich einsehen musste, wie sehr ich mich all die Jahre belogen hatten und wie dumm und selbstzerstörerisch diese Sucht ist. Die Atem- und Fokussierungsübungen erwiesen sich im Entwöhnungsprozess als eine große Unterstützung.
- Körperliche Fitness ist ein weites Spektrum. Und gerade für Menschen, die ihr Herz-Kreislauf-System. nicht zu sehr belasten dürfen oder körperlich zu schwach für sportliche Aktivitäten sind, birgt die Somatik und der therapeutisch ausgerichtete Yoga viele Möglichkeiten. Sehr gute Erfahrungen habe ich beispielsweise bei der Begleitung von Long Covid und ME/CFS-Patientinnen gemacht, die sich so im Rahmen ihres Pacings ein kleines Stück Freiheit und Autonomie zurückerobern konnten.
Stabil & Frei – mehr Selbstwirksamkeit durch Körperbewusstsein
Der achtteilige Kurs Stabil & Frei steht auch Schmerzpatient:innen offen, die neue Wege der Selbstwirksamkeit erproben möchten.

Titelfoto: Yuri Acurs (Peopleimages.com)
Abbildung Biopsychosoziales Modell: Siemens Stiftung (Creative Commons)



