Mit dem Tod leben

Es heißt, man kann das Leben nur vorwärts leben und rückwärts verstehen.

Die letzten Wochen bin ich viel gependelt. Örtlich zwischen Berlin und dem kleinen Kaff, in dem ich zur Welt kam. Zeitlich zwischen verschiedensten Kapiteln der Vergangenheit, einer manchmal schwer (be)greifbaren Gegenwart und flüchtigen Gedankenabstechern in eine verblassende Zukunft, die in gewohnten Konstellationen nun nicht mehr stattfinden wird.

So vieles bleibt ungewiss, doch das ist nun sicher.

Es heißt, das Leben lässt sich nur vorwärts leben, aber wie lebt man es, wenn es ungewiss ist, ob es noch drei Stunden, Tage, Wochen oder Jahre vorwärts geht? Die Wahrheit ist, dass sich der Tod nicht bestechen lässt, weder mit einem starken Lebenswillen, noch stringenter Lebensplanung oder der Aussicht auf den baldigen, wohlverdienten Pensionsbeginn. Manchmal zeigt er sich auch unbeeindruckt von der Lebensführung und das Alter ist für ihn ohnehin nur eine bedeutungslose Zusatzzahl – wie im Lotto.

Und so bleibt am Ende, irgendwann, wenn der Schock über das plötzliche, vorzeitige Ableben und die bleibende Lücke zwischen den Hinterbliebenen, langsam, langsam etwas schwindet, nur die tröstende Erinnerung an das, was war, wofür man dankbar ist und was ums Herz rum weiter warmhält.

Es heißt, das Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, aber das setzt voraus, dass einem keine Erinnerungen verloren gehen.

In den Stunden, die ich mit meiner über 90jährigen, demenzkranken Großmutter verbringe, fragt sie mich im Minutentakt, nach meinem Namen und um welche Uhrzeit ich heute aufgestanden sei.

Meine immer gleichbleibende Antwort entlockt ihr verschiedenste Reaktionen.

Unser Beziehungsverhältnis versteht sie nicht mehr, die Information geht verloren, so wie sie ankommt, aber das Gefühl, dass wir uns von früher kennen, die Vertrautheit, die ist trotz allem noch da.

Das Gefühl besänftigt ihren orientierungslosen Geist.

“Du hast schön warme Hände”, sagt sie, während ich ihr über den Rücken streichle.

Jetzt ist alles, was wir haben.

Immerzu aufs Neue – jetzt:

“Wann bist du heute aufgestanden?”

Es heißt, das Leben lässt sich nur vorwärts leben und rückwärts verstehen, aber mir scheint, diese Logik passt nicht recht in ein Gefüge, in dem die Jungen vor den Alten sterben und die Alten vergessen, was gestern war.

Eine Logik, der sich weder das Leben noch der Tod verpflichtet fühlen.

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